Auch an der grauen, verseuchten Weststrasse lässt sich Glück finden. 200 Meter vom Koschercity Supermarkt entfernt versteckt es sich und bisweilen beschert es einem einen Kaffe oder einen Bierhumpen für einen mickrigen Franken. Für drei Franken einen kleinen Sack Cashewnüsse, der so gar nicht auf die aus einem einzigen Zinnstück gegossene Theke passen will, aber die eigentliche Besonderheit der kleinen Bar sind die Pfannkuchen und Waffeln, auf der niedlichen Speisekarte mit dem Prädikat „Empfehlung des Hauses“ versehen. Ein Pfannkuchenturm mit 8 Stück Pfannkuchen und Zutaten kostet im „zum guten Glück“ 60 Franken. Etwas teuer denke ich mir, aber es gibt ja keine Vergleichsmöglichkeiten. Wo sonst in Zürich kriegt man schon einen Pfannkuchenturm?
Der FC Zürich Wimpel, der an einer Ecke der Menüschiefertafel an der Wand hinter der Theke hängt, stört mich. Ich entferne ihn aus meiner Erinnerung. Er soll das Bild von dieser kleinen Oase an der lärmigsten Strasse der Stadt nicht trüben. James Brown meint es sei gut, dass ich sie habe. So gut. Zum guten Glück denke ich.
Von Tabora nach Dodoma – 05.Juni 2007
Veröffentlicht in Afrika, Reise durch Tansania mit Tags Afrika, Dodoma, Itinga, Kikwete, Mr. Ramadani, Nyerere, Pilau, Reisebericht, Savanne, Tabora, Tansania, Zugreise am Juli 21, 2008 von miktatorDie zwei etwa 14,15-jährigen Brotverkäufer standen noch wie am Abend zuvor an die Wand der Dukas (Bretterbude) gelehnt, ein Bein angewinkelt und schauten mich mit leerem Blick erschöpft an. Die Kiste, die vor ihnen auf dem staubigen Boden stand, war noch bis zur Hälfte mit in Plastiksäcken eingepackten Brotlaiben gefüllt. Es gab keinen Grund für sie, nach Hause zu gehen.
Nach Tabora durchquert die Bahn abwechselnd weites Grasmeer, aus welchem sich nur wenige Büsche zu erheben wagen, und dichte, undurchdringbare, drei Meter hohe Buschlandschaft. Die Schneise, welche für die Geleise geschlagen worden war, wird von einer Wand aus braunem, verdorrtem Gestrüpp eingefasst. Verbrannte Erde, aus welcher bereits wieder Gras zu spriessen beginnt, säumt die verrosteten Zugschienen. Gestapelte Bahnschwellen ruhen einsam in der staubigen Weite.
Itinga ist eine grössere Bahnstation mit einem Abstellgleis voll von höheren Mächten verbogenen Güterwagons, welche bereits Theroux auf seiner Reise nach Kapstadt angetroffen hatte . Frauen hatten zu Dutzenden kleine Tische aufgestellt und präsentierten darauf Reis, Huhn, Bohnen und Spinat. Buben liefen die Wagen entlang und versuchten geschnitzte Holzkellen an den Mann zu bringen. Die Mädchen probierten ihr Glück mit kunstvollen Kämmen und geflochtenen Strohkörben, wieder Andere schleppten Harasse mit Wasserflaschen und trockenen Biskuits unter den Fenstern der Abteile hindurch. Die Wasserflaschen muss man genau unter die Lupe nehmen, bevor man sie ersteht. Asumir hatte mir erklärt, dass selbst ein verschweisster Verschluss noch argwöhnisch beäugt werden sollte, denn manchmal benutzten die Kinder Spritzen und füllten die noch verschweissten Flaschen so mit verschmutztem Wasser auf. Die Erklärung schien mir nicht sehr logisch, aber eine gute Geschichte ist hier oftmals wichtiger als die Wahrheit.
Nach 20 Minuten war der Spuk in Itinga vorbei. Der Pfiff der Lokomotive schreckte Männer und Frauen, welche sich im Gras niedergelegt hatten, auf. Die Tische wurden auf den Rücke gekehrt, die Töpfe und Schüsseln darauf platziert und der gesamte Küchenraat abtransportiert.
Ein Mann schrie „subiri, subiri“ „wartet, wartet“, doch der Zug fuhr an. Langsam nur, sodass er mit dem einen freien Arm noch eine Stange erwischte und die Kiste voll ungewaschenem Geschirr auf das Trittbrett hieven konnte.
Eine Sandpiste folgte nun den Geleisen und nach einer halben Stunde überholten wir einen in eine Staubwolke gehüllten Lastwagen, auf dessen Windschutzscheibe in Grossbuchstaben „Liberty“ geschrieben stand. Wie ein Schiff, das gegen die Wellen ankämpft, senkte er sich auf und ab und bei jedem Schlagloch befürchtete man, dass sich die Motorhaube in den Lehmboden bohren würde.
Ich halte meinen Kopf zum Fenster in den Fahrtwind hinaus, aber ihn auf die Plastikscheiben aufzustützen wäre fahrlässig, denn die Wagen wiegen auf und ab. Bei jeder neuen Schiene springt der ganze Zug einen gefühlten Meter in die Luft und wirft alles, was lose im Abteil herum liegt, durcheinander. Ab und zu krame ich mein Notizbuch hervor und schreibe im Stehen an die Wand gelehnt und nach jeder Seite gönne ich mir eine Orange, deren Haut hier so dünn ist, dass ich sie nur mit dem Sackmesser schälen kann. Stunden verbringe ich damit Orangen zu schälen, es beruhigt mich, wird zu einem Ritual, wobei mich die Schwarzen immer wieder erstaunt beobachten, denn ich schäle die Früchte für ihren Geschmack aussergewöhnlich ausführlich und geschickt.
Wieder ein kleines Dorf und eine Unmenge an Tischen und offenen Feuern zwischen den Bahnschienen. Ich stürzte mich in das farbige Gewühl mit dem Ziel mir den Bauch voll zu schlagen. Einsamer, stinkender Weisser. Das Pilau war köstlich, auch wenn ich es mit meinen Händen mehr oder weniger gelenk in den Mund stopfte. Flammen schossen in die Höhe, Hühnerfedern trieben sanft in der Luft; das letzte Krähen der hysterischen Vögel, bevor ihnen den Hals umgedreht wird und sie aufs Feuer geworfen werden.
Plötzlich hiess es der Motor der Lokomotive sei beschädigt, Wasserkessel, keine Kohle, keine Ahnung, doch nach einer Stunde weckte der Pfiff die Erschöpften, welche es sich im hohen Gras gemütlich gemacht hatten, und der Zug setze sich wieder in Bewegung.
Gegen Süden öffnete sich ohne Ankündigung eine unendlich scheinende Ebene, deren Ende man nur dank am Horizont über einem silbernen Dunststreifen schwebenden Umrissen von Hügelzügen zu erahnen vermochte. Anthrazitfarbene, zackige Felsen über dem schweigsamen, dunkelgrünen Meer. Der Zug kämpfte sich die Bruchkante hinab, welche diese fruchtbare Landschaft von der Trockensavanne trennte. Immer wieder hielten wir an. „Bremstest“ meinte Mr. Ramadani schicksalsergeben und begann mir zu erklären weshalb Tansania sich in den letzten Jahrzehnten nicht entwickelt hatte.
„Das hängt von den Präsidenten ab. Mwalimu (Autor: Mwalime =Lehrer) Nyerere war streng, gerecht und er hatte eine Vision. Er wollte den Leuten helfen und das Land einen. Aber Kikwete, beispielsweise, wurde sowieso nur Präsident, weil er alle kannte.“ Er seufzte.
„Kikwete kannte alle, er hat viele Freunde, zu viele. Es gab eine Zeit, da kannte er selbst mich beim Namen. Und nun, da ihm diese Freunde geholfen haben Präsident zu werden, muss er seine Schulden zurückzahlen. Viele seiner Freunde sind jetzt Minister und reich. Bauen ein Haus nach dem andern. Die Minister während Nyereres Präsidentschaft hingegen sind heute arme, alte Herren. Du kannst sie sogar in einem dieser kleinen Dörfer treffen, wie sie dort mit ihren Familien leben und niemand würde denken, dass diese alten Herren einmal Minister gewesen sind. Aber heute ist dies anders.“
Seine Analyse stimmte pessimistisch. Ich hatte schon mit vielen Tansaniern über die Probleme ihres Landes gesprochen und hatte meist dieselben stereotypen und Nichts sagenden Erklärungsversuche zu hören gekriegt. Ramadani schien sich bereits genügend distanziert zu haben, um nicht die üblichen Floskeln gebrauchen zu müssen.
„Aber das Land ist friedlich und die Menschen sind stolz darauf, Tansanier zu sein“, versuchte ich ihn ein wenig aufzuheitern.
„Ich weiss nicht. Sie schauen nicht mehr, ob sie dem Land schaden oder nicht. Letztes Jahr gab es ein Zugsunglück, weil einige Bewohner der Gegend, durch welche die Eisenbahn fährt, Eisenbahnschwellen abmontiert und gestohlen hatten. Viele Menschen starben.“
Er war eine mächtige Erscheinung. Sein breiter Rücken füllt den Türrahmen aus und die Fenster waren zu tief für seinen Körper, sodass er sich verrenken und bücken musste, um den Kopf in den Fahrtwind halten zu können. Über das kurz geschorene Haar legte sich ein silberner Glanz und liess ihn älter erscheinen, als die 51 Jahre, welche er tatsächlich bereits hinter sich hatte.
Er hatte mir seine Telefonnummer gegeben. Für den Fall, dass ich wieder einmal in Dar es Salaam vorbei käme. Bevor ich in Dodoma auf einer unbequemen Pritsche einschlief, rief ich mir seine Stimme in Erinnerung. Kiswahili sprach er tief und hallend, sein Englisch jedoch klang hell, sanft und tief traurig.
Galerie zu “Kilometer Null” online
Veröffentlicht in Afrika, Reise durch Tansania mit Tags Afrika, Asumir, Fotos, Gallerie, Reise, Reisebericht, Tansania, Zugreise am Juli 17, 2008 von miktatorUnter folgendem Link gibt es nun einige Fotos vom ersten Tag meiner Reise durch Tansania. Bwana Asumir, der mich überreden wollte in sein Bauunternehmen zu investieren, findet sich übrigens auch auf den Fotos.
Und hier der schöne Link:Galerie zu “Kilometer Null”
Kilometer Null – 04.Juni 2007
Veröffentlicht in Afrika, Reise durch Tansania mit Tags Africa's Cup, Afrika, Fahrplan, Fussball, Moskitos, Mr.Ramadani, Nacht in Afrika, Tabora, Tansania, Zugreise am Juli 7, 2008 von miktator
Auf dem Bahnhof herrschte Ruhe. Die Menschen schlenderten gemütlich zu ihren Abteilen, begleitet von der gesamten „erweiterten Familie“. Am Bahnhofskiosk erstanden sie gekochte Eier und trockenes Toastbrot. Ich hatte nicht herausfinden können, in welches Abteil ich meinen Rucksack wuchten sollte, denn die Informationen auf dem Ticket, welches den Kartonbillets entspricht, die Schweizer Kondukteur jeweils den kleinen Kindern im Zug schenken, waren äusserst knapp gehalten. Ich hatte mir einfach ein Abteil ausgesucht, dessen Fenster sich leicht schliessen liessen. Die Reisenden im Abteil nebenan schienen ebenfalls leicht verwirrt, als ein korpulenter Mann sie darauf hinwies, dass sie sich im falschen Wagen befänden. An einer Metalltafel neben den Geleisen fand ich schliesslich den Namen „Maiko Shillige“ neben einer Abteilsnummer notiert.
Die Plastikbezüge der Bänke waren leicht zerfetzt und die Schaumstoffpolsterungen blinzelten an den Enden scheu in den afrikanischen Morgen hinaus. Neben dem Fenster, dessen beste Jahre zweifellos mehrere Generationen zurückliegen mussten, lag ein Holzpfahl, der nicht dazu gedacht war Vampire zu pfählen, sondern in der Nacht das Fenster sicher zu verriegeln.
Der Zug verliess Mwanza pünktlich. Nach der kurzen Depression letzte Woche, welche wohl von den Malariamedikamenten herrührte, war ich ganz froh die Stadt für eine Weile verlassen zu können.
Wir fuhren nur kurz den Viktoriasee entlang durch kleine Reisfelder, welche sich mit Mais bepflanzten Äckern und brachliegenden braunen Flecken abwechselten.
In der Weite verstreut die mit Stroh bedeckten Hütten der Einheimischen. Auf den Feldern tat sich nichts. Nur kleine Kinder stürzten aus den Hütten und winkten dem Zug hinterher.
Fela war ein kleines, weiss getünchtes Häuschen und eine grosse Halle, deren Betonträger nur mehr ein Netz aus Wellblechfetzen trugen. Kleine Junge balancierten auf dem Kopf mit Papayas gefüllte Eimer herbei, Preise wurden verhandelt, die Lokomtive stöhnte und ächzte, und nach fünf Minuten versank Fela wieder in Lethargie und Bedeutungslosigkeit.
Die in der Ebene verstreuten Häuser veränderten sich je weiter südlich wir gelangten. Gleich nach Mwanza waren moderne Sukumahäuser mit Ziegelsteinmauern und einem strohbedeckten Gibeldach die Regel, aber bereits in Shinyanga und der folgenden Ebene bis nach Bukene bestimmten zwischen hohen Strohbüscheln versteckte Lehmhäuser mit Flachdach, den über die Fläche peitschenden Winden angepasst, das Bild. Vereinzelt ruhten Holzgerippe, welche später mit Lehm und Steinen aufgefüllt werden im gelben Gras.
Als der Zug in Bukene einfuhr, lösten sich wie auf Knopfdruck 20 Frauen und Kinder von der Wand des Bahnhofsgebäudes und rannten grosse Eimer mit Reis und Maniok auf ihren Köpfen balancierend auf den Zug zu. Eine weisse Welle schwabte auf uns zu. Eimer wogen auf und ab, kein einziger fiel.
Asumir kam ebenfalls von Mwanza und reiste mit seinen Eltern nach Dar um dort den Geburtstag seiner Schwester zu feiern. Ich werde nicht in seine Baufirma investieren, auch wenn das Angebot äusserst verlockend erscheint.
„Es ist eine zukunftsträchtige Branche, glaube mir. Wir haben ein Joint-Venture-Unternehmen gegründet mit einem Somali und meinem Freund, aber der ist noch in Botswana. Er kehrt aber in einem Jahr zurück, um der Firma zu helfen.“
„Wieso braucht ihr mich dann noch, ihr seid ja schon zu dritt?“, fragte ich leicht spöttisch.
„Ja, aber wir haben keine Aufträge, da die Bauherren niemals einem Unternehmen das Vertrauen schenken würden, welches nicht von einem Weissen oder einem Inder geleitet wird.“ Er seufzte.
Asumir schien ehrlich, aber leicht inkompetent und trotz seiner Frömmigkeit benutzte er das Wort „fucking“ in jedem zweiten Satz. Ob sein Unternehmen darob Gottes Segen geniessen würde?
Im Schrittempo gelangten wir nach Tabora, wo der Zug von Kigoma abgewartet werden musste. Gemäss Fahrplan hätte dieser uns bereits erwarten sollen. Aber der Fahrplan der Tanzanian Railways Corporation ist selbst unter den Schwarzen Gegenstand vieler zumeist nur halblustiger Witze und man richtete sich darauf ein, die Nacht auf dem Bahnhof zu verbringen.
In Tabora stellte sich der Mann, mit welchem ich das Abteil teilte, als ehemaliger Fussballnationalspieler heraus. Sein Englisch war für einen Tansanier ungewöhnlich geschliffen und korrekt. Nach 20 Jahren Arbeit für die Regierung importierte er nun gebrauchte Computer, Kopiergeräte „und solche Dinge“ von Dubai oder den USA.
„Wir hatten eine gute Mannschaft“, fuhr er plötzlich von seiner Fussballkarriere zu erzählen fort, als wir zusammen im schummerigen Abteil hockten, er seinen kleinen Radio leise aufgedreht an einem Ende der roten Plastikliege, ich am anderen Ende ans Fenster gelehnt. Draussen wechselten die Verkäufer in den Bretterbuden im 10 Minutentakt von Taschenlampen, welche sie mit einer Schnur um ihren Hals gehängt hatten, zur staatlichen Stromversorgung, die in regelmässigen Abständen dem Ruf einer afrikanischen Energieversorgung gerecht wurde und den Geist aufgab. An die Wände der Holzbuden gelehnt schliefen einige Halbstarke, Fussballtrikots und Kopftücher tragend, die Regeln des Islams wurden hier sehr elegant interpretiert. Aus den Lautsprechern dröhnte eine quäckende Stimme, die niemand zu verstehen in der Lage war. Ein sonores Rauschen über dem sanften Stimmengewirr und dem steten Zirrpen der Grillen. Aus den Bretterbuden zarte Gitarrenklänge.
„Wir hatten den Africa’s Cup erreicht, das einzige Mal, dass Tanzania den Africa’s Cup erreicht hat. Und gegen Nigeria erreichten wir gar ein 1:1.“
Der grosse, halbnackte Mann in der Ecke des Abteils seufzte.
„Die Leute sagen nun, ich hätte damals gespielt wie Vieira heute. Kennst du Vieira? Er ist wirklich gut.“
Mr. Ramadani erzählte mir auch bereitwillig von seinen fünf Kindern.
„Der älteste ist 25, studiert Ökologie. Die älteste Tochter ist eine Accountantmanagerin, jedenfalls bald, der dritte ist in Kenya, der vierte ist hoffnungslos, “ dabei verwarf er ein wenig die Hände und zeigte nach draussen auf die geisterhaften Gestalten, welche erschöpft und gelangweilt an Schubkarren und Reissäcke lehnten, „ und der fünfte geht bald an die Universität.“
Er meinte er sei vor 20 Jahren das letzte Mal hier in Tabora gewesen, oder noch länger. Auf jeden Fall sei es während dem Krieg gegen Uganda gewesen. Seitdem habe er die Stadt nie mehr besucht. Wir standen eine Weile vor dem Bahnwagon, mit einem Auge immer auf das Abteil schielend, und beobachteten das Gewusel vor den Geleisen.
Die Nacht war unangenehm. Radio Free Africa schien beweisen zu müssen, dass es im Stand war ein 24 Stunden Programm zu produzieren und durch das Fenster, welches zu schliessen den Erstickungstod bedeutet hätte, strömten Moskitos, welche sich auf meinen nur spärlich von einem Tuch bedeckten Körper stürzten, ins Abteil herein. Der Plastik und der darunter liegende Schaumstoff klebten an meiner Haut. Die Toilette, ein grosses Loch im Zugboden, durfte nicht benutzt werden, da der Zug im Bahnhof stand. Niemand kümmerte sich darum.
Ein Schüler ist tot
Veröffentlicht in Afrika mit Tags Afrika, Gott, Kind, Krankheit, Malaria, Religion, Tod am Juni 29, 2008 von miktatorEin Schüler ist tot. Mahelo kam am Sonntagmorgen und berichtete mir, dass Bartholomeo letzte Nacht gestorben sei.
„Asheri der kleine Bruder von Alex ist heute Morgen mit dem Velo zu mir gekommen und hat mir von Bartholomeos Tod erzählt. Asheri war ein guter Freund von ihm. Er hat ihn vor einigen Tagen besucht und ihn nur schlafend vorgefunden, am Tag!“ Mahelo machte eine trauriges und schuldbewusstes Gesicht, als er mir dies erzählte, als ob er für den Tod des kleinen Jungen verantwortlich sei.
„Er ging bis vor zwei Wochen bei uns in die 1.Sekundarklasse, aber ich kann mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern.“
Mir ging es ebenso
Bis anhin hatte der Tod unser Schulgelände nicht betreten.
Jeden Morgen hört man eine quäkende Stimme aus einem Lautsprecher den Namen eines in der Nacht Verstorbenen verkünden. Zum letzten Mal hallt der Namen durch die Häuser, schwebt über dem Hügel von Kawekamo. Es geht schnell vergessen, dass unsere Schüler -diese Kinder in ihren blauen Hemden und den gebügelten Hosen- ebenfalls dieser Welt entstammen und jeden Morgen einer der kleinen Wellblechhütten entschlüpfen.
Am Montag versammelten sich alle Schüler zu einer Parade. Headmaster James erzählte ihnen vom Tod Bartholomeos. Viele hörten unberührt zu. Sie schienen sein Gesicht ebenfalls bereits vergessen zu haben. Für die Familie wurde Geld gesammelt. 20, 50 Rappen. Die Summe besass symbolischen Charakter. Die 1.Sekundarklasse machte sich auf nach Kawekamo, um der Beerdigung beizuwohnen.
Ich stand in der Mitte des Pausenplatzes, als am Nachtmittag Magdalena zu mir kam und mir stolz von der Beerdigung berichtete.
„Ich musste kein einziges Mal weinen, wie ein richtiger Mann. Aber es ist ja auch gar nicht traurig.“
„Was ist nicht traurig. Er ist doch gestorben?“, fragte sie Mahelo, der neben mir stand und zugehört hatte.
„Ja. Aber er ist jetzt bei Gott und der Tod ist doch etwas schönes; den Gott entscheidet ja, dass wir sterben sollen.“
Ich erwiderte ihr, dass Bartholomeos’ Tod mir sinnlos erschien, da er noch jung war und noch nicht hätte sterben müssen.
„Gott hat es so befohlen“, erwiderte sie trotzig.
„Aber wir hätten doch die Möglichkeit gehabt dies zu verhindern“, antwortete ich.
„Was? Wie? Kannst du ihn etwa wiederbeleben? Gott hat es so gewollt.“ Das kleine Mädchen grinste frech.
„Gott hat uns auch die Fähigkeit gegeben kranke Menschen zu heilen.“
“Aber hätte Gott gewollt, dass wir Bartholomeo heilen, wäre es geschehen.”
Die Diskussion ging noch eine Weile so weiter, wobei Magdalena auf jeden meiner Einwände eine Antwort bereit hielt. Auch einige der Lehrer meinten beim Mittagessen, dass der Tod des Jungen gottgewollt sei.
Es ist eine Art Fatalismus, welche bei dieser Gläubigkeit durchschimmert und manche für uns absurden Entscheidunge und Verhaltensweisen der Afrikaner erklären mag. Der Glaube ist ein Schutzschild, der vor der Armut und der Depression, den Krankheiten und den unzähligen Toten schützen soll. So stark die Hingabe und das Vertrauen in Gott jedoch auch ist, es ist doch ein Glaube und keine Gewissheit, welche man empfängt und so wird der Schutzschild bei jedem Kind, das stirbt, zu einem löchrigen Sieb und lässt all die düsteren Gedanken und die Trauer herein in das Haus der Eltern, der Verwandten und in die Köpfe der Lehrer, deren Blicke beim Mitagessen gedankenverloren über den Schüsseln mit Reis und Bohnen ruhen.
Endlich Baobabs
Veröffentlicht in Afrika mit Tags Afrika, Baobab, Glück, Hexe, Himmel, Hochebene, Reise, Tansania, Wolken, Zauberei, Zugreise am Juni 29, 2008 von miktator“Der Zug verlässt den grössten Marktplatz Tanzanias für Amulette, Wurzeln, Knollen, Pülverchen und andere Hexen- und Zauberutensilien. Shinyanga liegt hinter mir und bis anhin bin ich weder von einem bösen Zauber besessen, noch ist mir sonst ein grösseres Unheil widerfahren, wie es meine tansanischen Freunde prophezeit haben. Weisse Magie für den weissen Reisenden?
****
Endlich Baobabs. Ich hatte seit ich in Tansania angekommen war noch kein einziges Exemplar dieses Baumes, der wie keine andere Pflanze für den schwarzen Kontinenten steht, zu Gesicht bekommen und war nun umso überwältigter, als sich am Horizont im gelben, vertrockneten Grasmeer ihre dicken, knorrigen Stämme abzeichneten. Einsam standen sie in der weiten Ebene, jeder zwanzig, fünfzig Meter vom nächsten entfernt. Sie wirkten tot und untötbar zugleich, so dick und grau ihr Stamm, so mächtig und kahl ihre Krone. Der Anblick der Baobabs machte mich glücklich und der kindische Gedanke überkam mich, nun erst endlich in Afrika angekommen zu sein. Ich streckte meinen Kopf so weit wie ich nur konnte zum Fenster hinaus. Die Wolken schwebten tief über dem Boden, wie so oft in dieser Region der Erde. Der Himmel war dunstig blau, mit weissen Punkten durchsetzt. Endlos weit. Die Russschwaden stiegen senkrecht von der Lokomotive in die hellblaue Decke empor, verloren je höher sie stiegen ihr dunkle Färbung, bis sie sich in der Unendlichkeit des afrikanischen Himmels verloren.
Der Zug fuhr gemächlich über die Hochebene von Shinyanga… “
20 Meter unter Zürich
Veröffentlicht in Nacht in Zürich mit Tags Ausgang, Hoffnung, Nacht, Verzweiflung, Zürich am Juni 29, 2008 von miktatorIn ihren Augen lag soviel Verzweiflung, Sehnsucht und Hoffnung, die sich nie erfüllen konnte. Gier nach Nähe, Liebe, Wärme. Schatten der Enttäuschung hatten sich über ihre blassblauen Augen gelegt und ihnen den Glanz genommen. Ich empfand tiefes Mitleid, denn all die Sehnsucht, Erfüllung in einer anderen Person zu finden, würde sich nie erfüllen. Zuviel Hoffnung, zuviel Unsicherheit verbarg sich hinter der Fassade des kühlen, abgeklärten, unabhängigen Menschen, der nur auf der Suche nach sexueller Befriedigung in diesem schwarzen Loch, 20 Meter unter der Langstrasse, zu sein vorgab. Sie waren nicht allein.
Es war ein Ort, wo Hoffnung neue Verzweiflung und Entäuschung gebar. Nicht am selben Abend, nein. Der Alkohol ist eine mächtige -wohl auch teure- Waffe gegen die reale Verdammnis des Lebens. Doch spätestens am nächsten Morgen würde sich der Schleier lüften und nur die Mechanismen der Verdrängung würden einem vor dem Absinken bewahren können.
Viele Menschen auf wenig Raum. Einsamkeit umgab mich. Leere in der Enge des verschwitzten Körpers. Nie hatte sich die Leere bedrängender angefühlt, als in diesen Minuten, Stunden unter dem Asphalt Zürich. Sie frass sich in mich hinein, wand sich aus meinem Körper, stülpte sich über mich, umwickelte mich, nahm mir die Luft, die Sicht. Versank darin, ergab mich dem Gefühl und trauerte um den Mut und die Hoffnung, welche den ekstatisch gegen die Leere antanzenden Körpern innewohnen musste.




