Ein Schüler ist tot
Ein Schüler ist tot. Mahelo kam am Sonntagmorgen und berichtete mir, dass Bartholomeo letzte Nacht gestorben sei.
„Asheri der kleine Bruder von Alex ist heute Morgen mit dem Velo zu mir gekommen und hat mir von Bartholomeos Tod erzählt. Asheri war ein guter Freund von ihm. Er hat ihn vor einigen Tagen besucht und ihn nur schlafend vorgefunden, am Tag!“ Mahelo machte eine trauriges und schuldbewusstes Gesicht, als er mir dies erzählte, als ob er für den Tod des kleinen Jungen verantwortlich sei.
„Er ging bis vor zwei Wochen bei uns in die 1.Sekundarklasse, aber ich kann mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern.“
Mir ging es ebenso
Bis anhin hatte der Tod unser Schulgelände nicht betreten.
Jeden Morgen hört man eine quäkende Stimme aus einem Lautsprecher den Namen eines in der Nacht Verstorbenen verkünden. Zum letzten Mal hallt der Namen durch die Häuser, schwebt über dem Hügel von Kawekamo. Es geht schnell vergessen, dass unsere Schüler -diese Kinder in ihren blauen Hemden und den gebügelten Hosen- ebenfalls dieser Welt entstammen und jeden Morgen einer der kleinen Wellblechhütten entschlüpfen.
Am Montag versammelten sich alle Schüler zu einer Parade. Headmaster James erzählte ihnen vom Tod Bartholomeos. Viele hörten unberührt zu. Sie schienen sein Gesicht ebenfalls bereits vergessen zu haben. Für die Familie wurde Geld gesammelt. 20, 50 Rappen. Die Summe besass symbolischen Charakter. Die 1.Sekundarklasse machte sich auf nach Kawekamo, um der Beerdigung beizuwohnen.
Ich stand in der Mitte des Pausenplatzes, als am Nachtmittag Magdalena zu mir kam und mir stolz von der Beerdigung berichtete.
„Ich musste kein einziges Mal weinen, wie ein richtiger Mann. Aber es ist ja auch gar nicht traurig.“
„Was ist nicht traurig. Er ist doch gestorben?“, fragte sie Mahelo, der neben mir stand und zugehört hatte.
„Ja. Aber er ist jetzt bei Gott und der Tod ist doch etwas schönes; den Gott entscheidet ja, dass wir sterben sollen.“
Ich erwiderte ihr, dass Bartholomeos’ Tod mir sinnlos erschien, da er noch jung war und noch nicht hätte sterben müssen.
„Gott hat es so befohlen“, erwiderte sie trotzig.
„Aber wir hätten doch die Möglichkeit gehabt dies zu verhindern“, antwortete ich.
„Was? Wie? Kannst du ihn etwa wiederbeleben? Gott hat es so gewollt.“ Das kleine Mädchen grinste frech.
„Gott hat uns auch die Fähigkeit gegeben kranke Menschen zu heilen.“
„Aber hätte Gott gewollt, dass wir Bartholomeo heilen, wäre es geschehen.“
Die Diskussion ging noch eine Weile so weiter, wobei Magdalena auf jeden meiner Einwände eine Antwort bereit hielt. Auch einige der Lehrer meinten beim Mittagessen, dass der Tod des Jungen gottgewollt sei.
Es ist eine Art Fatalismus, welche bei dieser Gläubigkeit durchschimmert und manche für uns absurden Entscheidunge und Verhaltensweisen der Afrikaner erklären mag. Der Glaube ist ein Schutzschild, der vor der Armut und der Depression, den Krankheiten und den unzähligen Toten schützen soll. So stark die Hingabe und das Vertrauen in Gott jedoch auch ist, es ist doch ein Glaube und keine Gewissheit, welche man empfängt und so wird der Schutzschild bei jedem Kind, das stirbt, zu einem löchrigen Sieb und lässt all die düsteren Gedanken und die Trauer herein in das Haus der Eltern, der Verwandten und in die Köpfe der Lehrer, deren Blicke beim Mitagessen gedankenverloren über den Schüsseln mit Reis und Bohnen ruhen.