20 Meter unter Zürich

In ihren Augen lag soviel Verzweiflung, Sehnsucht und Hoffnung, die sich nie erfüllen konnte. Gier nach Nähe, Liebe, Wärme. Schatten der Enttäuschung hatten sich über ihre blassblauen Augen gelegt und ihnen den Glanz genommen. Ich empfand tiefes Mitleid, denn all die Sehnsucht, Erfüllung in einer anderen Person zu finden, würde sich nie erfüllen. Zuviel Hoffnung, zuviel Unsicherheit verbarg sich hinter der Fassade des kühlen, abgeklärten, unabhängigen Menschen, der nur auf der Suche nach sexueller Befriedigung in diesem schwarzen Loch, 20 Meter unter der Langstrasse, zu sein vorgab. Sie waren nicht allein.

Es war ein Ort, wo Hoffnung neue Verzweiflung und Entäuschung gebar. Nicht am selben Abend, nein. Der Alkohol ist eine mächtige -wohl auch teure- Waffe gegen die reale Verdammnis des Lebens. Doch spätestens am nächsten Morgen würde sich der Schleier lüften und nur die Mechanismen der Verdrängung würden einem vor dem Absinken bewahren können.

Viele Menschen auf wenig Raum. Einsamkeit umgab mich. Leere in der Enge des verschwitzten Körpers. Nie hatte sich die Leere bedrängender angefühlt, als in diesen Minuten, Stunden unter dem Asphalt Zürich. Sie frass sich in mich hinein, wand sich aus meinem Körper, stülpte sich über mich, umwickelte mich, nahm mir die Luft, die Sicht. Versank darin, ergab mich dem Gefühl und trauerte um den Mut und die Hoffnung, welche den ekstatisch gegen die Leere antanzenden Körpern innewohnen musste.

Eine Antwort zu “20 Meter unter Zürich”

  1. miktator Sagt:

    Bedrückender Abend in einem Zürcher Club unter der Langstrasse.

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