Kilometer Null – 04.Juni 2007
Auf dem Bahnhof herrschte Ruhe. Die Menschen schlenderten gemütlich zu ihren Abteilen, begleitet von der gesamten „erweiterten Familie“. Am Bahnhofskiosk erstanden sie gekochte Eier und trockenes Toastbrot. Ich hatte nicht herausfinden können, in welches Abteil ich meinen Rucksack wuchten sollte, denn die Informationen auf dem Ticket, welches den Kartonbillets entspricht, die Schweizer Kondukteur jeweils den kleinen Kindern im Zug schenken, waren äusserst knapp gehalten. Ich hatte mir einfach ein Abteil ausgesucht, dessen Fenster sich leicht schliessen liessen. Die Reisenden im Abteil nebenan schienen ebenfalls leicht verwirrt, als ein korpulenter Mann sie darauf hinwies, dass sie sich im falschen Wagen befänden. An einer Metalltafel neben den Geleisen fand ich schliesslich den Namen „Maiko Shillige“ neben einer Abteilsnummer notiert.
Die Plastikbezüge der Bänke waren leicht zerfetzt und die Schaumstoffpolsterungen blinzelten an den Enden scheu in den afrikanischen Morgen hinaus. Neben dem Fenster, dessen beste Jahre zweifellos mehrere Generationen zurückliegen mussten, lag ein Holzpfahl, der nicht dazu gedacht war Vampire zu pfählen, sondern in der Nacht das Fenster sicher zu verriegeln.
Der Zug verliess Mwanza pünktlich. Nach der kurzen Depression letzte Woche, welche wohl von den Malariamedikamenten herrührte, war ich ganz froh die Stadt für eine Weile verlassen zu können.
Wir fuhren nur kurz den Viktoriasee entlang durch kleine Reisfelder, welche sich mit Mais bepflanzten Äckern und brachliegenden braunen Flecken abwechselten.
In der Weite verstreut die mit Stroh bedeckten Hütten der Einheimischen. Auf den Feldern tat sich nichts. Nur kleine Kinder stürzten aus den Hütten und winkten dem Zug hinterher.
Fela war ein kleines, weiss getünchtes Häuschen und eine grosse Halle, deren Betonträger nur mehr ein Netz aus Wellblechfetzen trugen. Kleine Junge balancierten auf dem Kopf mit Papayas gefüllte Eimer herbei, Preise wurden verhandelt, die Lokomtive stöhnte und ächzte, und nach fünf Minuten versank Fela wieder in Lethargie und Bedeutungslosigkeit.
Die in der Ebene verstreuten Häuser veränderten sich je weiter südlich wir gelangten. Gleich nach Mwanza waren moderne Sukumahäuser mit Ziegelsteinmauern und einem strohbedeckten Gibeldach die Regel, aber bereits in Shinyanga und der folgenden Ebene bis nach Bukene bestimmten zwischen hohen Strohbüscheln versteckte Lehmhäuser mit Flachdach, den über die Fläche peitschenden Winden angepasst, das Bild. Vereinzelt ruhten Holzgerippe, welche später mit Lehm und Steinen aufgefüllt werden im gelben Gras.
Als der Zug in Bukene einfuhr, lösten sich wie auf Knopfdruck 20 Frauen und Kinder von der Wand des Bahnhofsgebäudes und rannten grosse Eimer mit Reis und Maniok auf ihren Köpfen balancierend auf den Zug zu. Eine weisse Welle schwabte auf uns zu. Eimer wogen auf und ab, kein einziger fiel.
Asumir kam ebenfalls von Mwanza und reiste mit seinen Eltern nach Dar um dort den Geburtstag seiner Schwester zu feiern. Ich werde nicht in seine Baufirma investieren, auch wenn das Angebot äusserst verlockend erscheint.
„Es ist eine zukunftsträchtige Branche, glaube mir. Wir haben ein Joint-Venture-Unternehmen gegründet mit einem Somali und meinem Freund, aber der ist noch in Botswana. Er kehrt aber in einem Jahr zurück, um der Firma zu helfen.“
„Wieso braucht ihr mich dann noch, ihr seid ja schon zu dritt?“, fragte ich leicht spöttisch.
„Ja, aber wir haben keine Aufträge, da die Bauherren niemals einem Unternehmen das Vertrauen schenken würden, welches nicht von einem Weissen oder einem Inder geleitet wird.“ Er seufzte.
Asumir schien ehrlich, aber leicht inkompetent und trotz seiner Frömmigkeit benutzte er das Wort „fucking“ in jedem zweiten Satz. Ob sein Unternehmen darob Gottes Segen geniessen würde?
Im Schrittempo gelangten wir nach Tabora, wo der Zug von Kigoma abgewartet werden musste. Gemäss Fahrplan hätte dieser uns bereits erwarten sollen. Aber der Fahrplan der Tanzanian Railways Corporation ist selbst unter den Schwarzen Gegenstand vieler zumeist nur halblustiger Witze und man richtete sich darauf ein, die Nacht auf dem Bahnhof zu verbringen.
In Tabora stellte sich der Mann, mit welchem ich das Abteil teilte, als ehemaliger Fussballnationalspieler heraus. Sein Englisch war für einen Tansanier ungewöhnlich geschliffen und korrekt. Nach 20 Jahren Arbeit für die Regierung importierte er nun gebrauchte Computer, Kopiergeräte „und solche Dinge“ von Dubai oder den USA.
„Wir hatten eine gute Mannschaft“, fuhr er plötzlich von seiner Fussballkarriere zu erzählen fort, als wir zusammen im schummerigen Abteil hockten, er seinen kleinen Radio leise aufgedreht an einem Ende der roten Plastikliege, ich am anderen Ende ans Fenster gelehnt. Draussen wechselten die Verkäufer in den Bretterbuden im 10 Minutentakt von Taschenlampen, welche sie mit einer Schnur um ihren Hals gehängt hatten, zur staatlichen Stromversorgung, die in regelmässigen Abständen dem Ruf einer afrikanischen Energieversorgung gerecht wurde und den Geist aufgab. An die Wände der Holzbuden gelehnt schliefen einige Halbstarke, Fussballtrikots und Kopftücher tragend, die Regeln des Islams wurden hier sehr elegant interpretiert. Aus den Lautsprechern dröhnte eine quäckende Stimme, die niemand zu verstehen in der Lage war. Ein sonores Rauschen über dem sanften Stimmengewirr und dem steten Zirrpen der Grillen. Aus den Bretterbuden zarte Gitarrenklänge.
„Wir hatten den Africa’s Cup erreicht, das einzige Mal, dass Tanzania den Africa’s Cup erreicht hat. Und gegen Nigeria erreichten wir gar ein 1:1.“
Der grosse, halbnackte Mann in der Ecke des Abteils seufzte.
„Die Leute sagen nun, ich hätte damals gespielt wie Vieira heute. Kennst du Vieira? Er ist wirklich gut.“
Mr. Ramadani erzählte mir auch bereitwillig von seinen fünf Kindern.
„Der älteste ist 25, studiert Ökologie. Die älteste Tochter ist eine Accountantmanagerin, jedenfalls bald, der dritte ist in Kenya, der vierte ist hoffnungslos, “ dabei verwarf er ein wenig die Hände und zeigte nach draussen auf die geisterhaften Gestalten, welche erschöpft und gelangweilt an Schubkarren und Reissäcke lehnten, „ und der fünfte geht bald an die Universität.“
Er meinte er sei vor 20 Jahren das letzte Mal hier in Tabora gewesen, oder noch länger. Auf jeden Fall sei es während dem Krieg gegen Uganda gewesen. Seitdem habe er die Stadt nie mehr besucht. Wir standen eine Weile vor dem Bahnwagon, mit einem Auge immer auf das Abteil schielend, und beobachteten das Gewusel vor den Geleisen.
Die Nacht war unangenehm. Radio Free Africa schien beweisen zu müssen, dass es im Stand war ein 24 Stunden Programm zu produzieren und durch das Fenster, welches zu schliessen den Erstickungstod bedeutet hätte, strömten Moskitos, welche sich auf meinen nur spärlich von einem Tuch bedeckten Körper stürzten, ins Abteil herein. Der Plastik und der darunter liegende Schaumstoff klebten an meiner Haut. Die Toilette, ein grosses Loch im Zugboden, durfte nicht benutzt werden, da der Zug im Bahnhof stand. Niemand kümmerte sich darum.

