Von Tabora nach Dodoma – 05.Juni 2007
Die zwei etwa 14,15-jährigen Brotverkäufer standen noch wie am Abend zuvor an die Wand der Dukas (Bretterbude) gelehnt, ein Bein angewinkelt und schauten mich mit leerem Blick erschöpft an. Die Kiste, die vor ihnen auf dem staubigen Boden stand, war noch bis zur Hälfte mit in Plastiksäcken eingepackten Brotlaiben gefüllt. Es gab keinen Grund für sie, nach Hause zu gehen.
Nach Tabora durchquert die Bahn abwechselnd weites Grasmeer, aus welchem sich nur wenige Büsche zu erheben wagen, und dichte, undurchdringbare, drei Meter hohe Buschlandschaft. Die Schneise, welche für die Geleise geschlagen worden war, wird von einer Wand aus braunem, verdorrtem Gestrüpp eingefasst. Verbrannte Erde, aus welcher bereits wieder Gras zu spriessen beginnt, säumt die verrosteten Zugschienen. Gestapelte Bahnschwellen ruhen einsam in der staubigen Weite.
Itinga ist eine grössere Bahnstation mit einem Abstellgleis voll von höheren Mächten verbogenen Güterwagons, welche bereits Theroux auf seiner Reise nach Kapstadt angetroffen hatte . Frauen hatten zu Dutzenden kleine Tische aufgestellt und präsentierten darauf Reis, Huhn, Bohnen und Spinat. Buben liefen die Wagen entlang und versuchten geschnitzte Holzkellen an den Mann zu bringen. Die Mädchen probierten ihr Glück mit kunstvollen Kämmen und geflochtenen Strohkörben, wieder Andere schleppten Harasse mit Wasserflaschen und trockenen Biskuits unter den Fenstern der Abteile hindurch. Die Wasserflaschen muss man genau unter die Lupe nehmen, bevor man sie ersteht. Asumir hatte mir erklärt, dass selbst ein verschweisster Verschluss noch argwöhnisch beäugt werden sollte, denn manchmal benutzten die Kinder Spritzen und füllten die noch verschweissten Flaschen so mit verschmutztem Wasser auf. Die Erklärung schien mir nicht sehr logisch, aber eine gute Geschichte ist hier oftmals wichtiger als die Wahrheit.
Nach 20 Minuten war der Spuk in Itinga vorbei. Der Pfiff der Lokomotive schreckte Männer und Frauen, welche sich im Gras niedergelegt hatten, auf. Die Tische wurden auf den Rücke gekehrt, die Töpfe und Schüsseln darauf platziert und der gesamte Küchenraat abtransportiert.
Ein Mann schrie „subiri, subiri“ „wartet, wartet“, doch der Zug fuhr an. Langsam nur, sodass er mit dem einen freien Arm noch eine Stange erwischte und die Kiste voll ungewaschenem Geschirr auf das Trittbrett hieven konnte.
Eine Sandpiste folgte nun den Geleisen und nach einer halben Stunde überholten wir einen in eine Staubwolke gehüllten Lastwagen, auf dessen Windschutzscheibe in Grossbuchstaben „Liberty“ geschrieben stand. Wie ein Schiff, das gegen die Wellen ankämpft, senkte er sich auf und ab und bei jedem Schlagloch befürchtete man, dass sich die Motorhaube in den Lehmboden bohren würde.
Ich halte meinen Kopf zum Fenster in den Fahrtwind hinaus, aber ihn auf die Plastikscheiben aufzustützen wäre fahrlässig, denn die Wagen wiegen auf und ab. Bei jeder neuen Schiene springt der ganze Zug einen gefühlten Meter in die Luft und wirft alles, was lose im Abteil herum liegt, durcheinander. Ab und zu krame ich mein Notizbuch hervor und schreibe im Stehen an die Wand gelehnt und nach jeder Seite gönne ich mir eine Orange, deren Haut hier so dünn ist, dass ich sie nur mit dem Sackmesser schälen kann. Stunden verbringe ich damit Orangen zu schälen, es beruhigt mich, wird zu einem Ritual, wobei mich die Schwarzen immer wieder erstaunt beobachten, denn ich schäle die Früchte für ihren Geschmack aussergewöhnlich ausführlich und geschickt.
Wieder ein kleines Dorf und eine Unmenge an Tischen und offenen Feuern zwischen den Bahnschienen. Ich stürzte mich in das farbige Gewühl mit dem Ziel mir den Bauch voll zu schlagen. Einsamer, stinkender Weisser. Das Pilau war köstlich, auch wenn ich es mit meinen Händen mehr oder weniger gelenk in den Mund stopfte. Flammen schossen in die Höhe, Hühnerfedern trieben sanft in der Luft; das letzte Krähen der hysterischen Vögel, bevor ihnen den Hals umgedreht wird und sie aufs Feuer geworfen werden.
Plötzlich hiess es der Motor der Lokomotive sei beschädigt, Wasserkessel, keine Kohle, keine Ahnung, doch nach einer Stunde weckte der Pfiff die Erschöpften, welche es sich im hohen Gras gemütlich gemacht hatten, und der Zug setze sich wieder in Bewegung.
Gegen Süden öffnete sich ohne Ankündigung eine unendlich scheinende Ebene, deren Ende man nur dank am Horizont über einem silbernen Dunststreifen schwebenden Umrissen von Hügelzügen zu erahnen vermochte. Anthrazitfarbene, zackige Felsen über dem schweigsamen, dunkelgrünen Meer. Der Zug kämpfte sich die Bruchkante hinab, welche diese fruchtbare Landschaft von der Trockensavanne trennte. Immer wieder hielten wir an. „Bremstest“ meinte Mr. Ramadani schicksalsergeben und begann mir zu erklären weshalb Tansania sich in den letzten Jahrzehnten nicht entwickelt hatte.
„Das hängt von den Präsidenten ab. Mwalimu (Autor: Mwalime =Lehrer) Nyerere war streng, gerecht und er hatte eine Vision. Er wollte den Leuten helfen und das Land einen. Aber Kikwete, beispielsweise, wurde sowieso nur Präsident, weil er alle kannte.“ Er seufzte.
„Kikwete kannte alle, er hat viele Freunde, zu viele. Es gab eine Zeit, da kannte er selbst mich beim Namen. Und nun, da ihm diese Freunde geholfen haben Präsident zu werden, muss er seine Schulden zurückzahlen. Viele seiner Freunde sind jetzt Minister und reich. Bauen ein Haus nach dem andern. Die Minister während Nyereres Präsidentschaft hingegen sind heute arme, alte Herren. Du kannst sie sogar in einem dieser kleinen Dörfer treffen, wie sie dort mit ihren Familien leben und niemand würde denken, dass diese alten Herren einmal Minister gewesen sind. Aber heute ist dies anders.“
Seine Analyse stimmte pessimistisch. Ich hatte schon mit vielen Tansaniern über die Probleme ihres Landes gesprochen und hatte meist dieselben stereotypen und Nichts sagenden Erklärungsversuche zu hören gekriegt. Ramadani schien sich bereits genügend distanziert zu haben, um nicht die üblichen Floskeln gebrauchen zu müssen.
„Aber das Land ist friedlich und die Menschen sind stolz darauf, Tansanier zu sein“, versuchte ich ihn ein wenig aufzuheitern.
„Ich weiss nicht. Sie schauen nicht mehr, ob sie dem Land schaden oder nicht. Letztes Jahr gab es ein Zugsunglück, weil einige Bewohner der Gegend, durch welche die Eisenbahn fährt, Eisenbahnschwellen abmontiert und gestohlen hatten. Viele Menschen starben.“
Er war eine mächtige Erscheinung. Sein breiter Rücken füllt den Türrahmen aus und die Fenster waren zu tief für seinen Körper, sodass er sich verrenken und bücken musste, um den Kopf in den Fahrtwind halten zu können. Über das kurz geschorene Haar legte sich ein silberner Glanz und liess ihn älter erscheinen, als die 51 Jahre, welche er tatsächlich bereits hinter sich hatte.
Er hatte mir seine Telefonnummer gegeben. Für den Fall, dass ich wieder einmal in Dar es Salaam vorbei käme. Bevor ich in Dodoma auf einer unbequemen Pritsche einschlief, rief ich mir seine Stimme in Erinnerung. Kiswahili sprach er tief und hallend, sein Englisch jedoch klang hell, sanft und tief traurig.


Juli 21, 2008 um 11:18
he michi
finds echt spannend zum lese. Wot nur nöd immer müese 2 wuche uf e fortsetzig warte. i vergis doch alles wider i de zwüschezit. Chum nur net so recht drus wer jetzt am schluss so en breite rugge gha het….
kg alex
Mai 3, 2009 um 7:24
deine ist sehr gut